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Spotlight

II

nach einer sehr langen pause öffnet konni seinen mund, spreizt die lippen weit auseinander. zieht eine merkwürdige grimasse. muss kurz lachen.

„ich dusche gerne um halb vier nachmittags. entweder weil ich da erst aufstehe oder weil ich dann aus der uni oder von der arbeit komme. meine mitbewohner verstehen das nicht. denn erstens ist aufstehen um halb vier keine art. zweitens duscht man nicht mitten am tag. das macht man entweder morgens oder abends. oder vor oder nach einem fick. oder nach schwerer arbeit. oder vor oder nach einem sprung ins schwimmbad. oder wenn man aus versehen in einen offen stehenden abflusskanal gefallen ist. ich leiste keine schwere arbeit. ich schiebe akten im büro rum. ich gehe auch nicht schwimmen. und ich mag es wie sich schweiß und geruch von zwei personen vermischen und langsam am eigenen körper trocknen und ihn ein bisschen fester machen.
ich dusche nur um halb vier uhr nachmittags. mit heißem wasser. so dass meine haut ganz rot und empfindlich wird. und gleichzeitig taub. ich reibe den schmutz des tages von meiner haut. von widerlichen mitarbeitern hinterlassen. von den leeren und lauten hüllen im hörsaal. vom versnobten Prof. von den dünstigen schatten in der straßenbahn. vom penner, dem ich fünfzig cent in den hut geworfen habe. von den schreienden kindern, die auf taubensafari waren. von der musik im aufzug von den häuserwänden von dem pflasterstein und dem teer und den zigaretten von dem alkohol von den pillen von der luft. von der sonne, die mir die haut verbrannte. mit heißem wasser. damit der spiegel und das fenster beschlagen. und ich mich nicht mehr im spiegel sehen kann. und auch nicht das ding hinter dem fenster. das toilettenpapier ist dann ganz leicht feucht. es lässt sich zerreissen ohne ein geräusch zu machen. und an den fließen kondensieren kleine tropfen.
ich dusche gerne. mindestens eine dreiviertel stunde. meine mitbewohner denken, dass ich masturbiere. denken, dass ich meinen körper entdecke, wie meine mutter zu sagen pflegte. aber ich bin nicht amerika in 1492, i’m the u.s. 620 years later. kaputt, desillusioniert und abgebrannt. nicht alle haben es bemerkt. einige schon.“

konni, der nun ein handtuch um die hüfte trägt (sonst nichts), streicht sich durch die nassen haare und schüttelt seinen kopf. wassertropfen fliegen in zeitlupe ästhetisch von ihm weg. er schaut zum publikum, aber geht ungelenke schritte rückwärts, bis er an den bettrahmen stößt. er klettert ins bett, seine beobachter immer noch fest im blick. er zieht sich die decke über den ganzen körper. wir erkennen seine zusammengekrümmte gestalt auch durch die decke. eine merkwürdige lichtquelle erhellt das innere der höhle und wirft konnis schatten an den stoff.

„ich wünsche mir, kolumbus hätte mich nie gefunden.“

das licht erlischt.

(Bild via emurray)

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Spotlight

I

auf der bühne ist es dunkel. wir können nichts erkennen. Auch nicht, dass aus dem publikumsraum jemand die treppen am rand des raums, die zur Bühne führen, emporsteigt. er hat kein interesse daran, dort oben etwas zu erzählen, zu performen, geschweige denn theater zu spielen. er weiß nicht, warum er die bühne betritt, er hatte nie eine andere wahl. darüber hat er sich auch nie gedanken gemacht.

ein scheinwerfer geht an. beleuchtet urplötzlich einen kreis auf der ansonsten immer noch dunklen bühne. hüllt den mann in sein kräftig gelbliches licht.

der mann, nennen wir ihn konstantin (kurz konni), steht im licht und reagiert wie der gemeine kakerlak. er bleibt erschrocken stehen. in seiner zusammengezuckten haltung mustert er seine umgebung. vom licht des einzelnen auf ihn gerichteten Spotlights geblendet, kann er nichts im raum ausmachen. nicht die leere bühne und auch das publikum nicht. nach einigen sekunden kommt er auf die idee, dem licht auszuweichen. er will nicht im licht stehen. er springt ins dunkel, für einen moment unsichtbar. doch der scheinwerfer findet ihn wieder, wandert gemütlich den schritt zu konstantin herüber. konni versucht es erneut und vollführt bald einen wilden tanz über die dielen, der sich mit der gewissheit, dass ihn das licht immer verfolgen und auch finden wird, in eine zunehmend peinlich anzusehende, wahnwitzige Choreographie wandelt. letztendlich – nach dreiundzwanzig  minuten – bleibt er erschöpft stehen. seine haltung lässt jegliche anspannung vermissen, sein mund steht offen und er atmet schwer. seine pirouetten haben uns schwindlig gemacht. das scheinwerferlicht brennt auf seiner haut.

wir betrachten ihn aus einem leicht schrägen winkel, wir sehen seine linke gesichtshälfte im halbprofil, aus der ersten reihe heraus. er zittert beinahe unmerklich. die kamera bewegt sich nun ganz langsam und mit der ganz typisch unruhigen haltung einer pseudo-dokumentarischen handkamera auf konni zu. zuerst auf seinen körper, bis wir ihn in der halbtotalen sehen, dann bewegt sie sich auf sein gesicht zu. wir erkennen keine qualitativen einbußen, die durch das zoomen aufkommen sollten, seine haut wird uns bis auf die letzte pore vorgeführt. head and shoulder close-up. die kamera macht kurze, unentschlossene bewegungen, eine kamerafahrt um konstantin herum zu vollziehen, doch sie geht stattdessen in eine großaufnahme über. konni schaut nicht in die kamera, er schaut von uns aus gesehen links an der linse vorbei ins leere. sein blick wirkt nach wie vor erschöpft, doch mittlerweile hat sich eine ausdruckslosigkeit in seine augen gestohlen, die darko-eske ausmaße sprengt. minutenlang wird das publikum in den bann der immer gleichen bewegung seiner atmung gezogen. wir hören sein keuschen. tiefe verzweiflung und kein entkommen. ein kurzer luftzug geht durch das theater, ein zuschauer hat beschlossen zu gehen. wir hören ihn noch dumpf über das sinnlose konzept des geschehenen fluchen und verübeln es ihm nicht. der kräftige windstoß, der beim zuknallen der tür entsteht, weht einige haare des ponys in konnis linkes auge. konni macht nach wie vor keine anstalten sich zu bewegen. die kamera bewegt sich näher auf ihn zu. zoom. wir sehen jetzt nur noch sein linkes auge. vier haare liegen auf seiner hornhaut. die oberen und unteren ausschnitte seines auges verschwinden immer wieder in seiner bewegung, nur die haare sind immer zu sehen. sie verschlucken seine pupille. sie durchbohren seine pupille. sie umrahmen seine pupille. von der kamera gehen zwinkerbewegungen aus. ab- und aufblende. abblende. aufblende. bis es schließlich nach einer abblende dunkel bleibt. jemand aus dem publikum hustet.