Nein, ich werde hier keinen Wortwitz mit „Müll“ machen.

Das mit den Antihelden in Videospielen ist ja so eine Sache. Ein schmaler Grat, auf dem man sich da als Entwickler bewegen muss. Der Bad-Ass-Held ist da eigentlich immer eine gute Wahl. Mutig, entschlossen und ohne Rücksicht. So etwas spielt man eigentlich immer gerne oder würde wirklich jemand behaupten, dass es nicht einfach cool war, mit Kratos die Kettenklingen zu schwingen oder sich als Krieg sowohl mit himmlischen als auch dämonischen Kreaturen herumzuschlagen?

Rufus, der Antiheld von Deponia, gehört nicht zu dieser Sorte Antiheld. Er ist der Underdog, der sich hauptsächlich für sich selbst interessiert. Ein Egomane, der durch seine gewaltige Selbstüberschätzung sympathisch wird. Ein fauler Jüngling, der sich immer noch bei seiner Exfreundin durchschnorrt und es strikt verweigert sich nützlich einzubringen. Sein einziges Interesse besteht darin, seiner Heimat – dem Müllplaneten Deponia –  zu entfliehen und in das (angeblich) paradiesische, in der Luft schwebende Elysium zu entfliehen. Das erweist sich auch nach unzähligen Versuchen als geradezu unmöglich, da Rufus als Erfinder und Bastler zwar kreativ ist, aber nicht immer zu Ende denkt und zu der besonders ungeduldigen Sorte gehört. So scheitert auch Rufus neuster Plan und er landet statt auf Elysium auf einem Kreuzer des Organon, der böse Militärapparat der Welt (denkt einfach an das Imperium aus Star Wars, nur in etwas trotteliger). Als er dort mitbekommt, wie die Elysianerin Goal von Organonschergen bedrängt wird, will er heldenhaft zu ihrer Rettung eilen, doch schafft es lediglich, sie von dem Kreuzer zu stoßen. Nach dem eigenen, nicht ganz freiwilligen Abflug von dem Kreuzer (proudly presented by the Organon), besteht sein Ziel fortan darin, Goal zu wecken. Denn die liegt nach Rufus Heldentat in einem Koma. Das macht er natürlich nicht aus reiner Nächstenliebe. Vielmehr erhofft er sich, dass er zusammen mit Goal Elysium erreichen kann und der Müllwelt endgültig entfliehen kann.

Deponia ist ein besonderes Spiel für mich. Es ist seit Empire: Total War das erste PC-Spiel, das ich mir als Retail-Version gekauft habe. Fast drei Jahre sind das. Liegt natürlich auch daran, dass ich selber keinen Windows-PC habe und nur während der Zeit, die ich in heimatlichen Gefilden verbringe, Gelegenheit dazu habe, PC-Highlights nachzuholen. Eine Gelegenheit, die ich in den letzten drei Jahren also scheinbar nicht wahrgenommen habe. Darauf kann sich Deponia also schon mal was einbilden, dass es einen Xbox 360 Spieler wieder vor den PC gezerrt hat.
Der offensichtlichste Grund ist denkbar oberflächlicher Natur: Ich habe mich schon bei den ersten Screenshots in den  Zeichenstil verliebt. Das Bildmaterial zu Deponia sah einfach großartig aus und was noch viel wichtiger ist, es kann die angekündigte Qualität auch im Bewegtbild bewahren (etwas, das zu meiner leidlichen Erfahrung unzählige iOS-Titel nicht schaffen). Dass man bei Deponia auch von der spielerischen Qualität einiges erwarten konnte, war bei dem Entwicklernamen (Daedalic übrigens) ohnehin klar. Auch wenn mich von den vier großen Spielen vor Deponia nichts zum Spielen überzeugen konnte (wobei ich Edna bricht aus jetzt doch unbedingt spielen will).

Und tatsächlich konnte mich das Spiel auf (fast) voller Linie überzeugen. Der Humor und die Dialoge funktionieren gut, manchmal sogar ganz großartig (Rufus Sonarortung) und das Beste: Es gibt keine Totalausfälle. Eine Sache, die man bei deutschen Adventures (und nicht nur bei denen) immer etwas befürchten muss. Lustig sein ist eine schwierige Sache, die hier zum Glück gelungen ist. Humor und Spielwitz lassen sich auch immer wieder in den Rätseln finden, die dank Rufus Hang zum Bastlertum kaum besser in ein Adventure passen könnten und durch das gewählte Szenario des Schrottplaneten auch mal etwas durchgeknallt ausfallen, ohne das man sich als Spieler fragen muss, was zur Hölle das jetzt sollte. Auf Deponia muss man nun mal erfinderisch und flexibel sein. Einzig Rufus Charakter steht komplett nachvollziehbaren Rätseln im Weg. Ein mit Müll versperrter Weg, der Rufus von der entführten Goal trennt (rasches Handeln wäre also angesagt), kann von dem faulen Helden nicht einfach freigeräumt werden, denn das wäre ja praktisch Aufräumen und das liegt ja unter seiner Würde. Abgesehen von solchen kleinen Problemen ist das Rätselsystem jedoch tadellos. Anspruchsvoll, aber nie frustrierend. Jedes Rätsel, das nicht auf Anhieb zu schaffen war, hinterließ bei mir das Gefühl, dass der entscheidende Hinweis in den Dialogen oder irgendwie zu finden sei. Ein Gefühl, das sich stets bestätigt hat. Zudem lassen sich die gelegentlichen „Minispiele“ wie Legerätsel oder das Manipulieren von Brieftauben überspringen. Eine Möglichkeit, die ich nur bei den Brieftauben nutzen musste.

„Verdammt sieht das gut aus“ war tatsächlich mein meistgedachter Gedanke an den zwei Tagen, die mich Deponia beschäftigt hat. Ein Gedanke, der anno 2007 bei Crysis ganze zwei Mal aufkam. Die Atmosphäre in Deponia ist einfach unglaublich packend und hat mich auch zum Weiterspielen motiviert, als ich das ein oder andere Mal an einem Rätsel fest hing. Nun gut, über die insgesamt etwas gemächlich präsentierte Geschichte kann man sich womöglich beschweren, ich fand es für ein Adventure jedoch angebracht. Auch das etwas offene Ende bietet Anlass zur Kritik, aber ich freue mich stattdessen einfach auf den zweiten Teil, der im September erscheinen soll. Hoffentlich auch pünktlich zum PC-Release auf dem Mac. Dann muss ich nicht bis zum nächsten Besuch in der Heimat auf mein Wiedersehen mit Rufus warten.

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