127 Hours

Bei einer Klettertour im Blue John Canyon geschieht ein Unglück. Aron (James Franco) bricht mitsamt einem Kreidefelsen in die Tiefe. Den Sturz übersteht er fast unbeschadet, doch sein Arm ist zwischen Felsen und enger Canyonspalte eingeklemmt und lässt sich trotz großer Bemühungen nicht befreien. Seine Wasservorräte sind knapp, seine Möglichkeiten mit nur einer einsetzbaren Hand beschränkt. Für ihn Beginnen 127 Stunden Kampf ums Überleben.

Danny Boyle wagt sich nach dem eher exotischen Setting von Slumdog Millionaire an ein vielleicht ebenso riskantes Unternehmen. Bestand in dem oscargekrönten Film eher die Gefahr mit der Geschichte eines indischen Jungen an dem Interesse des relevanten westlichen Publikums zu scheitern, ist es in 127 Hours die kaum vorhandene Interaktion zwischen verschiedenen Figuren. Die größte Zeit des Films konzentriert sich Boyle selbstverständlich auf die Situation im Canyon, das etwa zwanzigminütige Intro führt den Charakter ein und zeigt ihn im Zusammenspiel mit zwei Frauen, die ebenfalls in dem Gebiet wandern. Aron erscheint als ein etwas zurückgezogener Mensch. Die Anrufe seiner Familie erleben wir als Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, die Aron gekonnt ignoriert. Ihn zieht es schon Freitag nachts aus der Stadt in die Wildnis hinaus, er sucht die Einsamkeit. Nicht umsonst sagt er zu seinen kurzzeitigen Begleiterinnen, dass die Gegend sein zweites zu Hause ist.

Und gerade diese selbstgewählte Einsamkeit ist der springende Punkt in der Inszenierung. Als Zuschauer erleben wir alles aus der Sicht Arons. Wir schweifen mit ihm in Erinnerungen ab, teilen seine Vorstellungen, erleben seine Träume und zunehmenden Wahnvorstellungen ebenso unmittelbar mit wie er. Dass in dem Hauptteil des Films ein wenig an wirklicher Dynamik fehlt fällt zwar auf, doch die schauspielerische Leistung Francos und vor allem die gelungene Regie Boyles, mit dem gekonnten Schnitt zwischen verschiedenen Kamerawinkeln, täuschen über den Mangel an Interaktion sehr gut hinweg.
Die wohl beste Idee, die den Film begleitet, ist die Videokamera, mit der Aron seine Ausflüge inszeniert und die ihm in der Schlucht als einzige Interaktionsmöglichkeit bleibt. Der Blick aus ihrer Perspektive bringt einen gekonnten Stilbruch zum Dokumentarischen mit sich, der den Film nicht nur auflockert, sondern auch authentischer macht. Ob er nun zu Beginn sein derzeitiges Befinden festhält oder später in leichten Wahnvorstellungen ein Interview mit sich selber führt.

127 Hours ist ein guter Film, dem ich persönlich aufgrund seiner wahren Geschichte keine herausragende Wertung geben will (so bin ich nun mal). Aber auch ohne den Hinweis auf die wahren Begebenheiten der Handlung und die abschließende Beschreibung, was nach den Geschehnissen des Films mit Aron passiert ist, würde ich nicht die Höchstwertung vergeben. Ich gönne 127 Hours seine 6 Oscarnominierungen und hätte mich auch sicher nicht beschwert, wenn eine siebte dazugekommen wäre (für Boyles Regie), doch bin ich nicht enttäuscht darüber, dass der Film leer ausging. Er ist ohne Zweifel ein gutes Werk, das ein schon beinahe unglaublich gelungenes Ende aufweisen kann, dessen Aufteilung in seine drei Akte mir jedoch etwas zu aufdringlich erschien. Hinzu kommt der häufige Wechsel in der Erzählgeschwindigkeit. Immer wieder wird das Tempo mal angezogen, mal gebremst; manchmal etwas zu erzwungen. Aber das ist Kritik auf hohem Niveau und sollte nicht meiner Empfehlung im Wege stehen, sich diesen Film auf jeden Fall anzuschauen.

4/5

4 Gedanken zu „127 Hours

  1. Dr. Borstel

    Es kann ja nicht jeder begeistert von dem Film sein, wobei deine Meinung ja auch noch ziemlich positiv ausfällt. Ich schätze, „127 Hours“ ist wohl so was wie der Konsensfilm des Jahres.

    Antwort
  2. Pingback: 127 Hours (2010) « of bastards and dwarves

  3. Khitos

    Sehr schön, ja. Die Tempowechsel hab ich jetzt nicht so wirklich bemerkt, empfand das als nette Achterbahnfahrt inmitten seiner Vorstellung. Wird sicherlich in seiner effektiven Einfachheit wenig negative Kritik bekommen und in vielen Toplisten auftauchen, da stimm ich Dr. Borstel zu. Bei mir wird er jedenfalls in den oberen Rängen sein😀

    Antwort

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