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Poll (2011)

Mit dem Sarg ihrer Mutter im Gepäck erreicht die 14-jährige Oda Estland. Nach dem Tod ihrer Mutter, ist sie nun zu ihrem Vater gereist, der aus seiner Professurenstelle in Berlin entlassen und von seiner Frau geschieden in den Heimatort seiner Familie (das titelgebende Poll) zurückgekehrt ist, um dort seine umstrittenen Forschungen fortzusetzen, die für seine Entlassung gesorgt haben.

Es ist eine kalte Welt im Jahre 1914 und vor allem in Poll. Eine Welt am Abgrund, so erscheint es fast. Das majestätische Herrenhaus, das auf großen Balken scheinbar aus der weiten See hervorragt, das jedoch nach einer Grundsanierung schreit. In dem ehemaligen Sägewerk, obduziert Odas Vater die Leichen estnischer Anarchisten, die er von russischen Soldaten abkauft. Ihn treibt die These an, dass das Wesen eines Menschen von Geburt an in ihm, oder genauer in seinem Gehirn steckt, und sich nicht ändern kann. In einem alten Turm nahe dem Ort entdeckt Oda einen schwer verletzten Anarchisten, den sie nur „Schnaps“ nennt, und entschließt sich nicht, ihn an ihren Vater oder die ständig im Haus verkehrenden russischen Soldaten zu verraten. Sie versorgt seine Wunden, versteckt ihn im Oberbau des alten Sägewerks und will von ihm lernen, wie man Geschichten schreibt.

Man kann vieles Gutes über Poll sagen. Die schauspielerische Leistung ist bis in jede Nebenrolle perfekt, besonders Paula Beer in der Rolle der Oda und Edgar Selge als ihr Vater begeistern. Auch die Atmosphäre einer auslaufenden Epoche ist perfekt eingefangen. Die Umgebung, die Kulissen, die Ausstattung, die Filmmusik; alles großartig und überzeugend. Die Kameraführung gehört zum Besten, was ich in langer Zeit in einer deutschen Produktion gesehen habe. Oder um es noch wahrheitsgemäßer zu sagen: Sie ist das Beste.

Doch Poll schwächelt in einem nicht ganz unwichtigem Punkt und zwar der Geschichte. Ich hatte schon zu Beginn ein mulmiges Gefühl als ein Schriftzug verlauten ließ, dass die folgende Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruhe. Das halte ich Filmen in der Regel als negativen Aspekt vor. Ich will in meinem Filmerlebnis von der Realität befreite Geschichten erzählt bekommen. Ich will pure Fiktion und zwar gute. Und da braucht es für mich nicht diesen Hinweis. Leider erwies sich dieser wohl als Entschuldigung für die langatmige Inszenierung, den etwas holprigen Spannungsbogen und die am Ende eintretende Frage, welche Intention dieses bildgewaltige und über einige Strecken sehr poetisch wirkende Werk eigentlich haben soll.

Und ich muss mich als Fan von behäbig erzählten Filmen outen, solange sie mit ihrer Stilistik punkten. Mir hat ja auch Somewhere wirklich gut gefallen. Aber Somewhere dauert etwa 97 Minuten und kann zudem am Ende eine gut nachvollziehbare Aussage vorweisen (so empfand ich es zumindest). Poll hingegen ist mit 139 Minuten deutlich länger ausgefallen, hat aber auch einen gelungenen Stil zu bieten. Die epischen Bilder brennen sich zwar ins Gedächtnis ein, verdecken jedoch hauptsächlich wie hohl der Film in Wahrheit ist. Ein Komplex, der auf den ersten Blick in seinem Aufbau beeindruckt, bei genauerem Hinsehen aber unzählige Stellen offenbart, die einer Renovierung bedürften. Ein kleines bisschen wie das Herrenhaus in Poll. Und das ist ja auch fast schon wieder poetisch.

3/5

Das Bild stammt von der offiziellen Seite des Films.

2 Gedanken zu „Poll (2011)

  1. ulf Autor

    Ich glaube, man kann den Film wirklich gut finden, wenn man mit den richtigen Erwartungen rangeht. Ich konnte ihn auf jeden Fall genießen.

    Antwort

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