Archiv für den Monat Februar 2011

Poll (2011)

Mit dem Sarg ihrer Mutter im Gepäck erreicht die 14-jährige Oda Estland. Nach dem Tod ihrer Mutter, ist sie nun zu ihrem Vater gereist, der aus seiner Professurenstelle in Berlin entlassen und von seiner Frau geschieden in den Heimatort seiner Familie (das titelgebende Poll) zurückgekehrt ist, um dort seine umstrittenen Forschungen fortzusetzen, die für seine Entlassung gesorgt haben.

Es ist eine kalte Welt im Jahre 1914 und vor allem in Poll. Eine Welt am Abgrund, so erscheint es fast. Das majestätische Herrenhaus, das auf großen Balken scheinbar aus der weiten See hervorragt, das jedoch nach einer Grundsanierung schreit. In dem ehemaligen Sägewerk, obduziert Odas Vater die Leichen estnischer Anarchisten, die er von russischen Soldaten abkauft. Ihn treibt die These an, dass das Wesen eines Menschen von Geburt an in ihm, oder genauer in seinem Gehirn steckt, und sich nicht ändern kann. In einem alten Turm nahe dem Ort entdeckt Oda einen schwer verletzten Anarchisten, den sie nur „Schnaps“ nennt, und entschließt sich nicht, ihn an ihren Vater oder die ständig im Haus verkehrenden russischen Soldaten zu verraten. Sie versorgt seine Wunden, versteckt ihn im Oberbau des alten Sägewerks und will von ihm lernen, wie man Geschichten schreibt.

Man kann vieles Gutes über Poll sagen. Die schauspielerische Leistung ist bis in jede Nebenrolle perfekt, besonders Paula Beer in der Rolle der Oda und Edgar Selge als ihr Vater begeistern. Auch die Atmosphäre einer auslaufenden Epoche ist perfekt eingefangen. Die Umgebung, die Kulissen, die Ausstattung, die Filmmusik; alles großartig und überzeugend. Die Kameraführung gehört zum Besten, was ich in langer Zeit in einer deutschen Produktion gesehen habe. Oder um es noch wahrheitsgemäßer zu sagen: Sie ist das Beste.

Doch Poll schwächelt in einem nicht ganz unwichtigem Punkt und zwar der Geschichte. Ich hatte schon zu Beginn ein mulmiges Gefühl als ein Schriftzug verlauten ließ, dass die folgende Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruhe. Das halte ich Filmen in der Regel als negativen Aspekt vor. Ich will in meinem Filmerlebnis von der Realität befreite Geschichten erzählt bekommen. Ich will pure Fiktion und zwar gute. Und da braucht es für mich nicht diesen Hinweis. Leider erwies sich dieser wohl als Entschuldigung für die langatmige Inszenierung, den etwas holprigen Spannungsbogen und die am Ende eintretende Frage, welche Intention dieses bildgewaltige und über einige Strecken sehr poetisch wirkende Werk eigentlich haben soll.

Und ich muss mich als Fan von behäbig erzählten Filmen outen, solange sie mit ihrer Stilistik punkten. Mir hat ja auch Somewhere wirklich gut gefallen. Aber Somewhere dauert etwa 97 Minuten und kann zudem am Ende eine gut nachvollziehbare Aussage vorweisen (so empfand ich es zumindest). Poll hingegen ist mit 139 Minuten deutlich länger ausgefallen, hat aber auch einen gelungenen Stil zu bieten. Die epischen Bilder brennen sich zwar ins Gedächtnis ein, verdecken jedoch hauptsächlich wie hohl der Film in Wahrheit ist. Ein Komplex, der auf den ersten Blick in seinem Aufbau beeindruckt, bei genauerem Hinsehen aber unzählige Stellen offenbart, die einer Renovierung bedürften. Ein kleines bisschen wie das Herrenhaus in Poll. Und das ist ja auch fast schon wieder poetisch.

3/5

Das Bild stammt von der offiziellen Seite des Films.

Dann nehme ich doch ne Flasche Liebfrauenmilch.

Meise ist ein Arschloch. So viel sei über die Hauptfigur des Romans „Was kostet die Welt“ gesagt. Er ist einer dieser selbstgerechten Menschenhasser, der alles Alltägliche und Geordnete ablehnt, weil aus dem entstehenden Trott ja nichts außer Langeweile und Frustration entstehen kann. Bei seinen Eltern hat er das gesehen. Zu lange haben sie an ihrer Ehe festgehalten, bis am Ende nur noch Hass da war. Gerade sein Vater gehört zu den Menschen, denen Meise kein bisschen ähneln will. Ein verbitterter Mann, der nichts von der Welt gesehen, der sich nie etwas getraut, zu früh geheiratet hat und ebenso früh und grausam gestorben ist. Die Beschreibung des schnellen Verfalls eines Körpers gehört zu den besten Abschnitten des Buches, gerade weil es so abstoßend und erschütternd geschildert wird, wie ein Mann der nichts vom Leben hatte und sich kaputt gearbeitet hat, abstirbt.

Doch aus diesem Tod eröffnet sich die Prämisse der Handlung. Meise erbt. Etwa 15.000 Euro, die er so einsetzt wie es sein Vater niemals getan hätte. Er verreist monatelang in alle möglichen Ecken der Erde. Nach seinem langen USA-Trip, kehrt er nach Deutschland, nach Berlin zurück und sieht sich plötzlich wieder mit seinem Alltag konfrontiert, der nichts Spannendes zu bieten hat. Außerdem sind noch 1000 Euro des Erbes auf seinem Konto, die unbedingt noch für Reisen ausgegeben werden müssen. Er fährt schließlich ins Moseltal, für eine Woche auf den Winzerbetrieb von Flo, den er auf einer Party in New York kennengelernt hat. Von der Metropole ins Kaff.

Ex-Muff-Potter-Frontmann Nagel zeichnet in seinem zweiten Roman einen Anti-Helden. Einen von der Art, von der man hofft, das es der Autor nicht beabsichtigt hat, dass man ihm als Leser am Ende noch viel Sympathie entgegenbringt. Zu Beginn sind die inneren Hasstiraden, der Abscheu, die Meise in alle Richtungen seiner Umwelt loslässt, noch amüsant. Ja, man kann sich sogar gut mit ihm identifizieren, wenn er im Flugzeug über die anstrengende deutsche Touristin herzieht, man stimmt ihm zu. Man macht eben auch Erfahrungen mit nervigen Menschen, bei denen man nicht anders kann als ein bisschen Hoffnung in die Menschheit zu verlieren. In uns allen steckt ein bisschen Meise. Doch mit der Zeit wird die negative Einstellung Meises selber anstrengend. Seine latenten Neurosen, seine Bindungsangst, seine immer gleiche Art, das schlechte in den Langzeitbeziehungen zu sehen, seine asoziale Art, sein zunehmender Wille, alles zu zerstören, was er nicht als intakt hinnehmen will.

Meise ist der Prototyp eines Arschlochs. Wir wissen, dass er durchaus Gründe hat, so zu sein wie er ist. Aber anstatt sein zerstörtes Weltbild mit den guten Erfahrungen im Leben zu flicken, trampelt er als Großstadtmonster durch die ländliche Ereignislosigkeit. Und irgendwann fällt es schwer, Meises Monologe, seine Ich-Erzählung noch weiter zu verfolgen. Es strengt an, purer Beobachter dieser Verbitterung zu sein, die in vielen Punkten wohl der seines Vaters mehr ähnelt als es sich der Protagonist zugestehen will.

Meise, wenn ich der Vogel gewesen wäre, ich hätte dir auf den Kopf geschissen!

Beim Label Audiolith erschien eine EP, die ebenfalls den Titel „Was kostet die Welt“ trägt. In vier Tracks liest der Autor mehr oder weniger kurze Textstellen vor (im übrigen die sprachlichen Höhepunkte des Buches), die zusätzlich mit eingängigen Beats und Melodien unterlegt sind. Das Ergebnis kann sich hören lassen, ist meiner Meinung sogar das Interessanteste, was der deutsche Literaturbetrieb seit langem zu bieten hat.
Wem die EP gefällt, sollte jedoch wissen, dass der Rest des Buches in den meisten Fällen nicht so gut formuliert ist und die allgegenwärtige Abscheu, die in Meises Erzählung liegt, daher auf Dauer eher tumb wirkt.