So wie Porzellan

Ich mochte die Fotos von Beginn an. Das hat auch damit zu tun, dass ihr erstes Album zu einer Zeit rauskam, in der mich ihre Musik besonders ansprach. Das war 2006 und ich war wohl gerade erst in die Pubertät gekommen und wohl wegen der argen Verspätung (zur Erinnerung: ich bin jetzt 21) auch gleich auf dem Höhepunkt gestartet. Dieser Umstand spiegelt sich auch in der Musik wieder. Ich sehnte mich nach Liedern und Künstlern, die sich nicht in oberflächliche Metaphern hüllten, ich wollte Originäres, ich wollte Wahres. Musik, die von den Künstlern selber geschrieben ist, die nicht um den heißen Brei herumläuft, sondern direkt reinspringt und sagt wie es ist.

Die vier Typen aus Hamburg hatten das raus. Von der Kritik für ihren Musikstil, für ihre Begabung den britischen Indierock auch ins Deutsche zu übertragen, hoch gelobt – und das fand ich gerechtfertigt. Was machte es schon aus, dass neun von zehn Liedern irgendwie gleich klangen? Gar nichts, denn sie waren alle von derselben Energie, von derselben erfrischenden Direktheit. Warum Gefühle in sich hineinfressen, wenn man sie auch aussprechen kann?

Damit war beim zweiten Album, das zwei Jahre später erschien, Schluss. Man war plötzlich leiser, bedachter, was bei dem titelgebenden Song („Nach dem Goldrausch“) noch funktioniert, konnte der Rest nicht mehr in gewohnter Energie umsetzen. Müde und träge erschienen mir einige Lieder, was mich zu dieser Zeit wenig störte, denn auch ich war zwei Jahre älter geworden und hatte meine stürmerisch-hormonelle Phase gegen eine pessimistischere und nachdenklichere eingetauscht und so kam mir die Inspiration für Grübelei ganz recht. Hörbar ist das ganze auch heute noch, aber ungefähr die Hälfte des Albums wird geskippt.

Wieder zwei Jahre später, ich stehe wohl immer noch mit einem halben Fuß in trüben Gedanken und die Fotos bringen ihr drittes Album raus. Ich muss zugeben, ich habe gezaudert, ob ich mir „Porzellan“ überhaupt holen sollte. Mit dem Kapitel Fotos hatte ich soweit abgeschlossen. Die alten Songs hörte ich zwar noch ab und zu, aber ich fühlte mich den beiden grundlegenden Gefühlen aus den ersten Alben entwachsen. Aber die erste Single, namentlich „Mauer“, hielt ich für das Beste, was die Band in diesen vier Jahren geschaffen hat. Minimalistischer Text, dazu treibende Riffs mit dem perfekt dosierten Einsatz von Synthies und so ein herrliches Sujet für einen Song, dem mit genau der scheinbaren gelassenen Gleichgültigkeit entgegengetreten wird, mit der ich mich identifizieren kann. Dagegen stand jedoch der Song „Porzellan“, der als kostenloser Download angeboten wurde, mir aus dem Gesamtgefüge des Albums herausgerissen gar nicht gefallen mochte. Zerbrechlich, ein kleines bisschen anstrengend und so gar nicht Fotos-typisch. Und das zieht sich durch das gesamte Album. Herz hatte ihre Musik schon immer, aber aus dem wild pochenden, kurz vorm Zerbersten stehenden von 2006 wurde vier Jahre später ein blutendes. Düster ist es geworden. Aus der allgegenwärtigen minimalistischen instrumentalen Untermalung in Verbindung mit den metapherreichen und manchmal kryptischen Texten ersteht ein merkwürdig-bedrückendes Gefühl der Einsamkeit und Melancholie. Merkwürdig, weil es der Einsamkeit keine vollständige Hoffnungslosigkeit an die Seite stellt. Die Musik wirkt bestärkend, gedankenanregend, erbauend.

Das hätte 2006 dem etwas kopflosen Mir wohl nicht gefallen. Aber so wie mir in der Zwischenzeit ein Kopf, ist der Musik von den Fotos Hand und Fuß gewachsen.

Ein Gedanke zu „So wie Porzellan

  1. Dr. Borstel

    Fotos ist für mich irgendwie so eine Band, von der ich immer nur die Singles mitbekomme. „Giganten“ war ja schon gigantisch, alles danach immer noch gut, aber zu einer näheren Beschäftigung hat mich das bisher noch nicht verleitet. Dabei müssten die Fotos doch ganz gut in mein Beuteschema passen …

    Antwort

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