Red-Dead-Redemption_2009_10-09-09_02

New Austin

In den letzten zwanzig Stunden hat sich vieles verändert. Ich bin nicht mehr der John Marston, der ich zu Beginn war. Nicht mehr der rechtschaffene Alt-Cowboy, der seinen Mitmenschen hilft, wenn ihm die Möglichkeit offensteht. Jetzt bin ich ein John Marston, der durch die erlebten Ereignisse verbittert, auf den ein Kopfgeld von etwa 1000$ ausgesetzt ist und von einer Gruppe Kopfgeldjäger gejagt wird, als er einen fahrenden Zug springt, den Zugführer ausknockt und voller Ärger feststellt, dass es in diesem Zug nichts Wertvolles zu holen gibt. Ich bin praktisch eine andere Person.

Rockstar hat es mal wieder geschafft und nach Grand Theft Auto IV mit Red Dead Redemption ganz großen Zauber gewirkt. In einem Ausmaß, in dem es wohl nur noch Rockstar fähig zu sein scheint. Sie erschaffen schlicht eine ganz eigene Welt. Die ich manchmal bewundernd  einfach nur betrachte, manchmal wild verfluche, aber doch irgendwie immer liebe. Nein, das hier ist keine Rezension. Es ist viel mehr eine laudatorische Annäherung an die Seele eines Videospiels. Habe ich gerade wirklich „Seele“ geschrieben?

Aber irgendwie stimmt es schon. Wenn ich mich in einem Videospiel nicht dazu überwinden kann, einen meiner Feinde, der überwältigt am Boden liegt, selbst zu erschießen, ich Skrupel verspüre, den Abzug selber zu drücken und sein virtuelles Leben zu beenden, dann muss dieses Spiel so etwas wie eine Seele haben. Auch wenn ich wie ein Teufel auf die X-Taste drücke, um mein Pferd über die Grenzen des Möglichen zu treiben und ein Zeitlimit einzuhalten – obwohl es sehr großzügig bemessen ist. Aber wenn dieses Spiel mir sagt, dass Eile geboten sei, dann eile ich auch.

Dabei war der Beginn alles andere als einträchtig. Die Reitsteuerung wollte mir gar nicht in den Kopf gehen, den Trick bei den Duellen habe ich bis jetzt noch nicht raus, weshalb ich meine Kontrahenten stets mit gefühlten 20 Schüssen durchsiebt habe, das Schießen fühlte sich nach GTA IV irgendwie ungewohnt an. Aber RDR hat mir von Anfang an eine Welt geboten, die schlicht echt wirkt und die man gerne erkundet. Stunden habe ich damit verbracht, auf der Jagd nach Vögeln, Kaninchen und Hirschen meine Zielkünste zu perfektionieren, die traumhaften Sonnenauf- und untergänge zu beobachten und nachts in den Sternhimmel zu blicken. Das dürfte für die Leute, die das Spiel nicht selbst gespielt haben, merkwürdig klingen, aber wer es versucht, wird verstehen, was ich meine. Selbst mein Vater hat sich ein paar Stunden mit dem Spiel auseinandergesetzt – obwohl das eigentlich nicht sein Fall ist. Und ich glaube, es hat ihm gefallen.

RDR wartet mit einer Atmosphäre auf, die in diesem Szenario alles Bisherige übertrifft und unerreichbar sein dürfte. Der Abgesang auf den alten Westen, den die Industrialisierung auch bald erreichen wird, in dem kaum noch Platz für die Helden und Schurken des Wilden Westens ist, eine Zeit, in der die Wissenschaft im Begriff ist, die letzte Faszination des Unbekannten unserer Welt zu nehmen und nebenbei entdeckt, dass es schädlich ist, Tabak zu rauchen oder sich Kokain zu spritzen. Rockstars Schreiberlinge spielen mit der Zeit des frühen 20. Jahrhunderts, nur wenige Jahre bevor der 1. Weltkrieg ausbrechen sollte. Da werden Flugzeuge als die Möglichkeit angepriesen, Menschen zu Engeln werden zu lassen, Autos werden noch als Kutschen ohne Pferde bezeichnet und sich nach New Austin, wo sich Saloongäste nach einer Meinungsverschiedenheit noch auf Leben und Tod duellieren und an allen Ecken und Enden blutige Lynchjustiz genommen wird, nur solche solche Vertreter der heilbringenden Wissenschaft verirren, die vollkommen verrückt oder eigentlich hochstaplerische Quacksalber sind. Die Charaktere sind studio-typisch wieder auf wunderbarste Weise gestaltet und übertreffen in ihrer Gesamtheit das letzte großen Spiel von Rockstar bei weitem.

Natürlich können all diese Stärken nicht über die Schwächen des Spiels hinwegtäuschen, über die mangelnde Abwechslung in den Storymissionen, die übertrieben vielen Gegner, von denen man so oft verfolgt wird, über die unverhältnismäßig vielen Bugs. Sie können sie nicht vergessen machen, aber sie machen sie erträglich. Und hätte das Spiel diese Schwächen nicht gehabt, hätte ihr diesen Text schon vor zwei Tagen gelesen und der wäre durch den einhergehenden Schlafentzug noch überschwänglicher geworden wie dieser hier.

3 Gedanken zu „New Austin

  1. donpozuelo

    Ja, ich muss auch sagen, das Spiel hat mir anfangs großartig gefallen, aber je mehr man es dann spielte, desto offensichtlicher wurde, dass es nicht ganz so toll ist.

    Was mich am meisten gestört hat, war außerdem noch diese elende Reiten von Mission zu Mission. Manchmal war das ganz nett, aber oft auch einfach nur nervtötend. Es hatte nicht die Tiefe des Reitens, wie sie zum Beispiel bei „Shadow of the Colossus“ vorhanden war. Da hat mir das ewige Reiten irgendwie nie was ausgemacht.

    Antwort
    1. DerGraf Autor

      „Shadow of the Colossus“ habe ich leider nie gespielt. Aber das Reiten in RDR hat mir trotzdem Spaß gemacht; auch wenn ich für weite Strecken immer die Schnellreisefunktion benutzt habe.
      Aber auf einen kleinen Ausritt hatte ich eigentlich immer Lust.🙂

      Antwort
  2. Laosüü

    Beim Lesen habe ich glatt wieder Lust bekommen, es nochmal zu spielen. Inszenatorisch ein Offenbarung, technisch mit einigen Bugs durchsetzt. Nichtsdestotrotz ist RDR das beste Spiel, dass ich in letzter Zeit gespielt habe und kurz zuvor hatte ich GoW3 in der Brotbüchse.

    P.S. Bei den Duellen musst du die Punkte beim Gegner in dem Moment markieren, in dem das Fadenkreuz weiß und klein ist, dann steigt die Skala schneller. Wenn du den Elenden nur entwaffnest, statt ihm ein paar Nasenlöcher mehr zu verpassen, gibt es das doppelte Plus an Ehre.🙂

    Antwort

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