Spotlight

I

auf der bühne ist es dunkel. wir können nichts erkennen. Auch nicht, dass aus dem publikumsraum jemand die treppen am rand des raums, die zur Bühne führen, emporsteigt. er hat kein interesse daran, dort oben etwas zu erzählen, zu performen, geschweige denn theater zu spielen. er weiß nicht, warum er die bühne betritt, er hatte nie eine andere wahl. darüber hat er sich auch nie gedanken gemacht.

ein scheinwerfer geht an. beleuchtet urplötzlich einen kreis auf der ansonsten immer noch dunklen bühne. hüllt den mann in sein kräftig gelbliches licht.

der mann, nennen wir ihn konstantin (kurz konni), steht im licht und reagiert wie der gemeine kakerlak. er bleibt erschrocken stehen. in seiner zusammengezuckten haltung mustert er seine umgebung. vom licht des einzelnen auf ihn gerichteten Spotlights geblendet, kann er nichts im raum ausmachen. nicht die leere bühne und auch das publikum nicht. nach einigen sekunden kommt er auf die idee, dem licht auszuweichen. er will nicht im licht stehen. er springt ins dunkel, für einen moment unsichtbar. doch der scheinwerfer findet ihn wieder, wandert gemütlich den schritt zu konstantin herüber. konni versucht es erneut und vollführt bald einen wilden tanz über die dielen, der sich mit der gewissheit, dass ihn das licht immer verfolgen und auch finden wird, in eine zunehmend peinlich anzusehende, wahnwitzige Choreographie wandelt. letztendlich – nach dreiundzwanzig  minuten – bleibt er erschöpft stehen. seine haltung lässt jegliche anspannung vermissen, sein mund steht offen und er atmet schwer. seine pirouetten haben uns schwindlig gemacht. das scheinwerferlicht brennt auf seiner haut.

wir betrachten ihn aus einem leicht schrägen winkel, wir sehen seine linke gesichtshälfte im halbprofil, aus der ersten reihe heraus. er zittert beinahe unmerklich. die kamera bewegt sich nun ganz langsam und mit der ganz typisch unruhigen haltung einer pseudo-dokumentarischen handkamera auf konni zu. zuerst auf seinen körper, bis wir ihn in der halbtotalen sehen, dann bewegt sie sich auf sein gesicht zu. wir erkennen keine qualitativen einbußen, die durch das zoomen aufkommen sollten, seine haut wird uns bis auf die letzte pore vorgeführt. head and shoulder close-up. die kamera macht kurze, unentschlossene bewegungen, eine kamerafahrt um konstantin herum zu vollziehen, doch sie geht stattdessen in eine großaufnahme über. konni schaut nicht in die kamera, er schaut von uns aus gesehen links an der linse vorbei ins leere. sein blick wirkt nach wie vor erschöpft, doch mittlerweile hat sich eine ausdruckslosigkeit in seine augen gestohlen, die darko-eske ausmaße sprengt. minutenlang wird das publikum in den bann der immer gleichen bewegung seiner atmung gezogen. wir hören sein keuschen. tiefe verzweiflung und kein entkommen. ein kurzer luftzug geht durch das theater, ein zuschauer hat beschlossen zu gehen. wir hören ihn noch dumpf über das sinnlose konzept des geschehenen fluchen und verübeln es ihm nicht. der kräftige windstoß, der beim zuknallen der tür entsteht, weht einige haare des ponys in konnis linkes auge. konni macht nach wie vor keine anstalten sich zu bewegen. die kamera bewegt sich näher auf ihn zu. zoom. wir sehen jetzt nur noch sein linkes auge. vier haare liegen auf seiner hornhaut. die oberen und unteren ausschnitte seines auges verschwinden immer wieder in seiner bewegung, nur die haare sind immer zu sehen. sie verschlucken seine pupille. sie durchbohren seine pupille. sie umrahmen seine pupille. von der kamera gehen zwinkerbewegungen aus. ab- und aufblende. abblende. aufblende. bis es schließlich nach einer abblende dunkel bleibt. jemand aus dem publikum hustet.

2 Gedanken zu „Spotlight

    1. DerGraf Autor

      Da kommt noch mehr. Schreibe daran weiter, sobald ich wieder in expressionistischer Stimmung bin🙂 Freut mich, dass es dir gefällt.

      Antwort

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